Schüler unserer israelischen Partnerschule zu Besuch in Michendorf


 
Ein halbes Jahr war vergangen seit dem letzten Treffen der deutschen und israelischen Austauschschüler. Uns jedoch kam diese Zeit viel länger vor – so groß war die Vorfreude auf die kommende Woche mit den israelischen Gästen. Am 06. Oktober 2014 war es dann endlich so weit.
Die Woche sollte eine kleine Herausforderung für uns deutsche Schüler werden, da nun wir die Gastgeber waren und somit die Verantwortung für unsere Austauschschüler hatten. Verständlich also, dass die Nerven der gesamten Delegation beim Warten auf die Ankunft der Israelis am Flughafen blank lagen. Als gegen 21.00 Uhr endlich der langersehnte Moment des Wiedersehens eintrat, konnte sich niemand mehr halten: Selbstgebastelte Empfangsplakate wurden in die Luft geworfen, alle liefen durcheinander, man wusste nicht, wen man zuerst umarmen sollte und der eine oder andere verdrückte sogar die ersten (Freuden-) Tränen.

Nach der ersten Nacht bei dem jeweiligen Gastgeber lernten die israelischen Austauschschüler am nächsten Tag ihre Partnerschule, das Wolkenberg-Gymnasium, kennen. Nachdem der Schulleiter, Herr Reinkensmeier, und die Religionslehrerin, Frau Voß, die Delegation offiziell begrüßt und die deutschen Schüler/innen die Schule vorgestellt hatten, begann unser erstes Kunstprojekt. Unsere Aufgabe war, in Gruppen gemeinsam ein Motiv zum Thema „Mauern überwinden“ zu finden und auf Fliesen zu malen, die im Gesamten ein Mosaik ergeben sollten. Die sehr gelungenen Ergebnisse wurden in der Schule ausgestellt und zeigen nun die Verbundenheit zwischen Deutschland und Israel, stellen aber auch Frieden und den Mauerfall dar. Nach dem Projekt fuhren wir nach Potsdam, um u.a. das Stadtschloss und die Nikolaikirche zu besichtigen. Bei den Vorträgen zu den historischen Bauten, die von den deutschen Schüler/innen gehalten wurden, blieb die Stimmung heiter und locker. Ein besonderer Höhepunkt des Tages war die Willkommensparty im Garten einer deutschen Schülerin. Nach leckerem Abendbuffet, guter Musik und ausgiebigen Gesprächen am Lagerfeuer (denn wir alle hatten sehr großen Redebedarf nach so langer Zeit), waren die restliche Nacht und auch der Schlaf dementsprechend kurz.
Der nächste Tag begann – wenn auch nicht ganz ausgeschlafen – ebenfalls sehr interessant. Berlin stand auf dem Plan. Zunächst machten wir eine Stadtrundfahrt durch die wunderschöne Hauptstadt Deutschlands, wobei nicht nur die israelischen Schüler, sondern auch manch deutscher Schüler Neues dazulernen konnte. Danach besuchten wir das Otto Weidt Museum. Dies war für uns alle, besonders aber für die israelische Lehrerin, Frau Horn, aufgrund persönlicher Hintergründe eine bemerkenswerte und emotionale Erfahrung zugleich. Otto Weidt leitete nämlich in den 30iger und 40iger Jahren eine Bürstenwerkstatt, die seinen blinden und meist jüdischen Arbeitern Schutz vor dem damaligen Naziterror bot. Nach dem Museumsbesuch durften wir uns eigenständig in Berlin aufhalten und ließen den Tag entspannt ausklingen.
Am vierten gemeinsamen Tag stand die „Ich will alles Tour“ in Zossen auf dem Plan. Dabei handelte es sich um eine sportliche Aktivität, die aus dem Fahren von Draisine, Spaß- und Wasserfahrrad bestand. Dies hatte einen besonderen Spaßfaktor und war eine gelungene Aktivität. Gegen 17.00 Uhr waren alle wieder zuhause, sodass jede/r die Möglichkeit hatte, Zeit mit dem israelischen Gast zu verbringen.
Am nächsten Morgen trafen wir uns wieder in der Schule, um unser Kunstprojekt „Mauern überwinden“ zu vervollständigen und auszuwerten. In Gruppen beschäftigten wir uns mit der Geschichte des ehemaligen Konzentrationslagers Ravensbrück, das wir besichtigen wollten. Diese Exkursion war sehr wichtig für den gesamten Austausch. Ein „Gänsehaut-Moment“ war es, als die Delegation sich an das Ufer des am KZ angrenzenden Sees stellte, jeder Einzelne zum Gedenken an die Opfer eine Rose in das Wasser warf und die Israelis nach und nach in ein hebräisches Lied einstimmten und gemeinsam sangen.
Der sechste Tag sollte nach dieser ernsten Exkursion wieder fröhlicher angegangen werden. Was genau wir unternehmen würden, blieb ganz allein den Schüler/innen überlassen, denn wir hatten einen ganzen Tag in den Gastfamilien zur Verfügung. Erst abends trafen wir uns alle wieder bei einem deutschen Gastgeber zu einer gelungenen Abschiedsfeier. Der Gastgeber stellte leckeres Essen und großartige Musik bereit, die für gute Laune sorgte. Von Abschiedsstimmung konnte nicht die Rede sein, wir hatten ja auch noch zwei Tage vor uns.
Nach einer erneut kurzen Nacht trafen wir uns wie üblich um 9.00 Uhr in der Schule. Dort wartete ein Reisebus auf uns. Wir fuhren nach Dresden! Die meisten nutzten die etwas längere Busfahrt, um ihren Schlaf nachzuholen, damit sie für die Stadtführung durch Dresden wieder Energie hatten. Nachmittags fuhren wir dann weiter nach Hohnstein zur Brandbaude, unsere Unterkunft für die Nacht – eine Wanderung durch die wunderschöne Sächsische Schweiz inklusive. Der Ausblick von der Brand Baude ins Tal war atemberaubend. Am Abend setzten wir uns zusammen und sahen uns Bilder von dem gesamten Austausch an. Jeder kam zu Wort und konnte seine persönlichen Eindrücke zu den gemeinsamen zwei Wochen in Israel und Deutschland schildern. Dann bekam jeder einen schwarzen Beutel und einen Stift, mit dem man auf den Beutel der Personen, die man liebgewonnen hatte, einige Worte als Erinnerung hinterlassen konnte. Zum ersten Mal verspürten wir Abschiedsstimmung und Wehmut kam in uns auf.
Schließlich war es so weit: Der letzte Tag unseres Schüleraustausches war angebrochen. Wir frühstückten ein letztes Mal zusammen und verließen die Brand Baude. Am späten Mittag kamen wir in Michendorf an. Wir verbrachten die letzten gemeinsamen Stunden mit unseren Austauschülern und versorgten sie mit typisch deutschen Geschenken als kleine Geste, bis wir um 19.00 Uhr „gezwungen“ waren, mit gepackten Koffern zum Flughafen Schönefeld zu fahren. Dort blieben wir Deutschen bis zum letzten Augenblick bei den Israelis. Viele Tränen flossen – hemmungslos. Wir umarmten uns ein letztes Mal und bedankten uns für die tollen Erfahrungen und Emotionen, die wir miteinander teilen durften. Und so verabschiedeten wir unsere neuen Freunde. Niemand bereute es, an diesem Austausch teilgenommen zu haben!
Natalie Stoof